Im Rahmen meines Sabbaticals schreibe ich über persönliche Erfahrungen, vor allem im Hinblick auf die Wiederaufnahme einer regelmässigen Aikidopraxis. In diesem Artikel ziehe ich Parallelen zwischen meinen Erfahrungen im Dojo und dem Therapiemodell der Internal Family Systems (IFS) – einer relativ neuen Entdeckung für mich. Diese Begegnung zwischen körperlicher Praxis und innerer Arbeit bereichert meine Gedanken über Begleitung, Selbstakzeptanz und den Dialog mit sich selbst.
Als ich mich entschloss, mein Sabbatjahr dem Aikido zu widmen, ahnte ich bereits, dass mir diese Disziplin weit mehr bringen würde als nur eine körperliche und technische Verbesserung. Aikido lädt dazu ein, Konfrontation in Harmonie zu verwandeln, nicht gegen die Kraft des Angreifers anzukämpfen, sondern sie zu integrieren und umzulenken.
Es ist diese Vision des Budō (Kampfkunstweg), die Morihei Ueshiba, der Begründer des Aikido, entwickelt hat: Für ihn, der die Grausamkeiten des Krieges erlebt hatte, konnte sich Budō nicht mehr auf eine bloße Beherrschung der Kampfkunst beschränken, sondern musste ein Weg der persönlichen und spirituellen Transformation sein.
Ueshiba war der Ansicht, dass das wahre Budō nicht darauf abziele, einen Gegner zu besiegen, sondern die beteiligten Kräfte miteinander in Einklang zu bringen. Er bekräftigte, dass das ultimative Ziel des Budō „Frieden, Liebe und der Schutz aller Dinge“ sein müsse.
Als Weg (Do) verstanden, wird Aikido zur Philosophie der Bewegung und der Beziehung – zu sich selbst und zu anderen. Diese Praxis zeigt mir, wie ich besser im Einklang mit meiner Umgebung und mit mir selbst sein kann. Nach einer langen Pause von sechzehn Jahren habe ich das Training in zwei Dojos wieder aufgenommen, die einen ganz anderen Stil lehren als den, den ich zuvor gekannt hatte. Dieser Neustart konfrontiert mich mit gewissen Schwierigkeiten: Frustration, Unverständnis und manchmal das Gefühl, ganz von vorne anfangen zu müssen, obwohl mein Niveau zuvor recht fortgeschritten war.
Aber solche schwierigen Momente sind nicht nur Anfängern vorbehalten. Jeder Partner, jede Interaktion auf der Tatami, mit ihrer eigenen Persönlichkeit, stellt eine Herausforderung dar: es ist notwendig sich auf den Partner mit seinen Eigenarten einzustellen. Dieses Anpassen gelingt je nach Situation mehr oder weniger gut. Das führt manchmal zu Fragen, zu Zweifeln und manchmal auch zu Momenten des Stolzes oder der Zufriedenheit. Auf der Matte kämpfe ich jedoch nicht nur mit dem Gegenüber. Ich begegne vor allem meinem eigenen Ego, das mit seinen Automatismen reagiert.
Nicht nur beim Training stoße ich auf diese Schwierigkeiten. Obwohl dieser Urlaub eigentlich eine Zeit der Erholung und der Verwirklichung persönlicher Projekte sein sollte, werde ich immer wieder mit meinen Grenzen und meinen Frustrationen konfrontiert – in meinem Leben als Vater, als Partner und als Mann, der manchmal das Gefühl hat, trotz aller Bemühungen nicht voranzukommen. Derzeit zwingen mich auch meine Knie zu einer Pause, nachdem nach zwei Wochenenden mit Trainingslagern eine Entzündung aufgetreten ist. Wieder eine Frustration … oder vielleicht eine Gelegenheit, mit dem Teil von mir zu arbeiten, der mit Frustration reagiert?
Mir wird bewusst, dass es mir in meinem gewohnten Berufsalltag, umgeben von Kollegen und Klienten, leichter fiel, schwierigen Emotionen auszuweichen, da meine Aufmerksamkeit ganz natürlich auf andere gerichtet war. Während dieser Auszeit, in der ich mehr Zeit für mich habe, bin ich öfter mit meinen Gedanken, meinen Emotionen und meinen Überzeugungen konfrontiert. Und mir wird – einmal mehr – bewusst, dass es vor allem meine eigenen inneren Filter sind, die mir den Blick auf eine Welt voller Möglichkeiten versperren.
Diesen inneren Gegnern gegenüber entdecke ich so etwas wie ein inneres Aikido. Meine persönlichen Recherchen haben mich zum Therapiemodell der Internal Family Systems (IFS) geführt (Schwartz, 2023) – einem Ansatz, dem ich mich sowohl theoretisch (durch Lektüre) als auch praktisch nähere: durch die Begleitung einer geschätzten Hypnotherapeut-Kollegin sowie durch die Begleitung von mir nahestehenden Personen und Klienten
Im Aikido wird die Konfrontation als Kräftemessen vermieden. Anstatt einen Angriff zu blockieren oder abzuwehren, wird er umgelenkt, begleitet. Tori – derjenige, der die Technik ausführt – stimmt sich mit der Kraft des Angreifers ab, um die Dynamik des Konflikts zu verwandeln. Dieses Prinzip gründet auf der Akzeptanz des Gegebenen. Der Angriff ist da: Ich leugne ihn nicht, ich fliehe nicht vor ihm, ich erkenne ihn an – und handle mit ihm.
Das Gleiche gilt für den IFS-Ansatz. Dieses Modell geht davon aus, dass wir aus verschiedenen inneren Anteilen bestehen, von denen jeder seine eigenen Rollen, Verletzungen und Strategien hat. Einige dieser Anteile können schützend wirken, andere tragen tiefen Schmerz in sich, und manchmal scheinen sie sich zu widersprechen oder uns daran zu hindern, voranzukommen. Die Arbeit beginnt damit, sie willkommen zu heißen: „Ich sehe, dass du da bist, und ich akzeptiere dich.“ Diese Haltung der Akzeptanz ist entscheidend und ermöglicht es, einen Dialog mit diesen Aspekten des Selbst zu eröffnen, anstatt sie zu bekämpfen oder zu versuchen, sie zum Schweigen zu bringen.
Die Parallelen zwischen IFS und Aikido erscheinen mir offensichtlich – und sie resonieren auch mit anderen sozio-therapeutischen Ansätzen, die ich in meiner Arbeit nutze. Im Aikido muss der Angreifer akzeptieren, sich führen zu lassen. Die Rollen wechseln ständig: Uke (derjenige, der angreift und die Technik „empfängt“) und Tori (derjenige, der sie „gibt“). Die begleitende Person nimmt eine ähnliche Haltung ein: Sie passt sich an, weiss, wohin sie führen möchte – aber ohne zu zwingen. Und im Idealfall lernt der Klient, beide Rollen in sich selbst zu integrieren: mit Wohlwollen und Entschlossenheit.
Sowohl im IFS als auch in der modernen Hypnose ist es nicht der Therapeut, der die Lösung hat. Er begleitet und führt den Klienten nach innen. Der Klient ist der Experte seiner eigenen Realität. Wenn ich meine Sicht aufzwingen will, entsteht Widerstand. Wie im Aikido: Wenn ich Kraft einsetze, erzeuge ich Gegenkraft – und dann ist es kein Aikido mehr. In der Begleitung gilt dasselbe: Wenn der Klient in Bewegung ist, habe ich (im Idealfall) nur dafür zu sorgen, dass er im Fluss bleibt – und ihm zuzuschauen, wie er seine eigene Therapie macht.
Und bei der Arbeit an sich selbst geht es nicht darum, die auftauchenden problematischen Aspekte – Gedanken, Emotionen, Empfindungen – beiseite zu schieben oder abzulehnen, sondern sie mit Neugier und Mitgefühl anzunehmen. Ich kann aus eigener Erfahrung bestätigen, dass Veränderung so möglich wird. Manchmal ist diese Transformation nur vorübergehend. Aber es ist ein Training. Wie einer meiner Hypnose-Ausbilder immer sagt: „Beim ersten Mal entdeckt man etwas. Beim zweiten Mal lernt man es, und ab dem dritten Mal weiss man wie es geht.“ Man beginnt, etwas zu verinnerlichen und eine neue Gewohnheit zu entwickeln. So wie beim Erlernen einer Bewegung. Ich lerne. Manchmal will ein Teil von mir, den ich „den Faulpelz“ nenne, mich dazu verleiten, Abkürzungen zu nehmen. Manchmal ist es ein anderer Teil, derjenige, der zweifelt und kritisiert, der mich fragt, wozu das alles gut sein soll. Er sagt: „Lass es sein.“ Diese inneren Stimmen sind auch Partner, die mir noch viele Gelegenheiten zum Üben bieten werden. Für den weiteren Verlauf dieses Sabbaticals steht eine Woche Schweigeretreat an. Ein Teil von mir freut sich darauf, ein anderer ist etwas ängstlich, wieder ein anderer zweifelt. Ich werde dort sicherlich neue Gelegenheiten finden, diesen verschiedenen Stimmen zuzuhören – und Aikido in mir und mit mir zu betreiben. Davon berichte ich in einem anderen Artikel.
Ich begleite Sie dabei, Ihre Ressourcen und Ihre Handlungsfähigkeit zu stärken. In meiner Praxis, bei Ihnen zu Hause (im Raum Lausanne) oder per Videokonferenz.